Projektnummer 29
KONTUR

Verfasser: BBK Architekten AG, Frank Brunhart, Johannes Brunner, Nic Wohlwend, FL-9496 Balzers
Projektmitarbeiter: Lydia Heine und Thorsten Mildner (Dresden), Barbara Schädler, Sandeep Gill, Yvonne Czarnecki, Max Oelke

Subunternehmer Brandschutz/Sicherheit: SiBeN AG, CH-9470 Buchs SG

Projektstrategie

Das neue Feuerwehrdepot von Vaduz fügt sich ein in die Reihe der an der Schaaner Strasse aufgereihten Bauten mit mehrheitlich gewerblicher Nutzung. Es unterstreicht eine städtebauliche Strategie, die von einer baulichen Verdichtung an der Strasse und von einer gleichzeitigen aussenräumlichen Verzahnung mit dem Landschaftsraum am Binnenkanal ausgeht. Zur Schaaner Strasse präsentiert sich der zweigeschossige Neubau als grossmassstäblicher öffentlicher Bau, mit zur Strasse ausgerichteten Eingängen und mit zahlreichen Fensteröffnungen, die das lebendige Innere auf eine erlebbare Art nach aussen übersetzen. Dagegen öffnet sich die Fahrzeughalle zur strassenabgewandten Südwestseite, der grosse Vorplatz vor der Fahrzeughalle orientiert sich zur angrenzenden weitläufigen Rietlandschaft.

Charakteristisches Merkmal des neuen Feuerwehrdepots ist die aufgefaltete Dachlandschaft, die dem Neubau eine unverwechselbare Kontur gibt und die beiden sehr unterschiedlichen Seiten des Gebäudes zusammenbindet. Das aus der Addition gleicher Satteldachprofile gebildete, feingliedrige Dach läuft über dem gesamten Gebäude hinweg und manifestiert so mittelbar die Präsenz der Fahrzeughalle als der den Neubau dominierenden Raumeinheit im Strassenraum der Schaaner Strasse.

Mit dem Entscheid für diese Projektstrategie gehen wir auch davon aus, dass hinsichtlich einer weiteren städtebaulichen Entwicklung eine Aufstockung der Raumschicht längs der Schaaner Strasse in besonderem Mass sinnvoll ist. Die Kontur der Dachlandschaft wird als Fuge zwischen dem jetzt zur Ausführung kommenden Projekt und einer zu einem späteren Zeitpunkt hinzukommenden Aufstockung von bis zu vier zusätzlichen Geschossen dauerhaft sichtbar bleiben und gleichsam die Rolle eines „Reissverschlusses“ zwischen den Realisierungsetappen übernehmen.

Aussenraum

Es gibt eine für alle Nutzer gemeinsame Einfahrt auf der Südseite und eine gemeinsame Ausfahrt im Norden im Bereich des Wasserwerks. Das gesamte Areal wird eingezäunt, Ein- und Ausfahrt an der Schaaner Strasse werden jeweils mit einem Tor abgegrenzt. Die PW – Stellplätze werden in zwei Gruppen organisiert: Ein Teil befindet sich vor der Strassenfassade und ist nicht nur für die Feuerwehr, sondern auch für externe Besucher und insbesondere für die Mitglieder des Samaritervereins gedacht. Eine zweite Gruppe von Stellplätzen ist im Bereich der Parzelle 1715 angeordnet. Die Stellplätze für Fahrräder befinden sich vor der Südfassade.

Gerade weil die Aussenräume starken funktionalen Zwängen insbesondere hinsichtlich der Verkehrsführung unterliegen, haben wir das Ziel verfolgt, diese Zwänge durch eine aufgelockerte Anordnung und die Integration einer grossen Zahl von hochstämmigen Bäumen zu überspielen.

Organisation

Die gewählte Anordnung von Baukörper und Nutzungen auf dem Areal setzt die sich aus dem Einbahnverkehr und der Organisation des Schwarz-/Weissprinzips resultierenden Anforderungen konsequent um. Direkt bei der Einfahrt an der südöstlichen Gebäudeecke befinden sich die Eingänge für die Feuerwehr und für externe Besucher. Der Zugang für den Samariterverein befindet sich etwas weiter nördlich ebenfalls an der Strassenfassade.

Für die betrieblichen Abläufe der Feuerwehr im Einsatzfall gibt es eine interne Treppenverbindung, die ausschliesslich den Feuerwehrleuten zur Verfügung steht und die Räume der Einsatzzentrale im Obergeschoss verbindet mit dem Garderobentrakt und Fahrzeughalle.

Die Räume des Samaritervereins im nördlichen Teil des Gebäudes verteilen sich ebenfalls auf zwei Geschosse, die durch ein separates Treppenhaus miteinander verknüpft sind.

Die Schulungsbereiche von Feuerwehr und Samariterverein befinden sich im Obergeschoss im Trakt längs der Schaaner Strasse. Die Schulungsbereiche werden sowohl über das allgemein zugängliche Treppenhaus an der Südostecke als auch vom Treppenhaus des Samaritervereins aus erschlossen. Beide Treppenhäuser dienen als Fluchtwege für das jetzt geplante und weitere zusätzliche Obergeschosse. Personen – und Warenlift werden in unserem Vorschlag auf die beiden Erschliessungskerne aufgeteilt, eine Nachrüstung mit einem zusätzlichen Personenlift im Treppenauge des Samaritertreppenhauses ist als Option vorgesehen.

Die Waschbox ist so angeordnet, dass sie durchfahren werden kann. Auf diese Weise kann sie sich in das Schwarz-Weiss-Prinzip integrieren, das für die Organisation des Feuerwehrdepots zur Anwendung kommen soll.

Architektur

Architektonisch bezieht sich das Gebäude sowohl auf stark funktional geprägte gewerbliche als auch auf repräsentative öffentliche Bauten. Die aneinander gereihten Satteldächer erinnern in ihrer Rigorosität an Produktionshallen. Gleichzeitig wird ihre Serialität kombiniert mit dem für öffentliche Bauten typischen Anspruch, unterschiedliche räumliche Konstellationen architektonisch differenziert herauszuarbeiten.

An der südöstlichen Gebäudeecke wird unter dem Satteldach des ersten Joches ein markanter zweigeschossiger Eingangsbereich definiert, der von dem benachbarten Schlauchturm zusätzliche Prägnanz erhält. An der gegenüberliegenden nordöstlichen Gebäudeecke wird eine im Prinzip räumlich ähnliche Konstellation ganz anders und baukörperlich geschlossen interpretiert. Die nordwestliche Gebäudeecke wird durch das auf zwei Geschossen organisierten Vereinslager formuliert, zusammen mit dem vor der Fahrzeughalle auskragenden Vordach entsteht so eine eingezogene „negative“ Ecke. Die Waschbox an der südwestlichen Gebäudeecke reiht sich beinahe spielerisch ein in die baukörperliche Abstaffelung der südlichen Schmalseite.

Beides soll sich wechselseitig ergänzen und bereichern – das wiederkehrende Grundprinzip der einzelnen Module von Dachlandschaft und Fassade und individuell interpretierte Einzelsituationen. Während das gefaltete Dach in der Halle als charakteristisches Merkmal ihrer Grossmassstäblichkeit erlebt wird, trägt die gleiche Dachform in den Schulungsräumen dazu bei, den Räumen einen individuellen Charme zu verleihen. Der an das Volumen herangerückte Schlauchturm findet eine kompositorische Entsprechung in der Aussparung eines Lichthofes, um den herum die Funktionsbereiche der Feuerwehr im Obergeschoss organisiert sind.

Schwarz und Weiss

Die Trennung von Schwarz- und Weissbereich sollte so früh wie möglich erfolgen, idealerweise bereits am Einsatzort, um Material und Einsatzfahrzeuge zu schonen. Da dies nicht immer möglich ist, wird in unserem Vorschlag der Schwarzbereich (Ankommen nach dem Einsatz) klar vom Weissbereich getrennt. Der Schwarzbereich nimmt dabei eine zentrale Stellung ein, da in kurzer Zeit viele Feuerwehrleute ankommen und viel Material (PSA; AS, Schläuche..) grob reinigen und abgeben. Die persönliche Schutzausrüstung, die Atemschutzgeräte und das Schlauchmaterial werden zentral zur Aufbereitung abgegeben. Die nahe Verbindung von Vorplatz und Waschbox zum Schwarzbereich verkürzt die Wege und soll Verschmutzungen verringern. Damit ausreichend Platz zur Verfügung steht und um diesen möglichst flexibel zu gestalten, sieht unser Vorschlag vor, die Räume der Annahme ineinem 140m2 grossen zentralen ‘Schwarzraum’ zusammenzufassen. Der Durchlauf der Reinigung/Trocknung (Graubereich) bis zum Weissbereich erfolgt dann über die logische Raumabfolge hin bis zum Lager, der Garderobe (PSA) und den Einsatzfahrzeugen (AS und Schläuche).

Energie- und Gebäudetechnik

Damit Tageslicht bestmöglich genutzt werden kann, schlagen wir vor die Fassaden unter den ausladenden Vordächern zu befenstern und über der Halle Dachfenster einzubauen. Durch die Dachfenster einfallendes Licht – die Dachfenster dienen im Sommer der Nachtauskühlung – wird von den Binden als indirektes Licht in den Raum reflektiert. Der winterliche Wärmeschutz wird im Wesentlichen über die hoch gedämmten Elemente der Gebäudehülle erreicht; Holzbauelemente Dach, hinterlüftete Holzfassade, Perimeterdämmung unter der Bodenplatte.

Mit der vorgeschlagenen Photovoltaikanlage werden die betriebsinternen, elektrischen Verbraucher direkt mit Energie versorgt. Sie sind auf den nach Süden geneigten Flächen des Faltwerks angeordnet. Als Aufdach-Anlage können sie besser ausgetauscht, ergänzt oder ummontiert werden. Gleichzeitig wird die empfindliche Unterdachbahn geschützt und die Effizienz der Anlage erhöht.

Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe im Technikraum im Erdgeschoss sorgt für Heizwärme und die Warmwasseraufbereitung. Die Wärme für die Fahrzeughalle wird über Deckenkanäle direkt eingeblasen. Die Wärme für die Zonen im Obergeschoss (Büros, Mehrzweckräume, Sanitärzellen..) sowie für die angedachte Aufstockung, wird über eine konventionelle Bodenheizung verteilt. Sämtliche Medien (Elektro, Heizung, Sanitär) werden analog dem Verlauf der hausinternen Erschliessung geführt. Ausser in der Bürozone, den Aufenthaltsräumen und in den Mehrzweckräumen werden die Installationen offen und damit gut zugänglich, an den Decken montiert.

Tragwerk

Das Tragwerk ist eine Kombination aus Betonstützen, welche biegesteif in die Fundamentvertiefungen einbetoniert werden, und darauf liegenden, verleimten Holzbindern. Der durchlaufende Obergurt bildet dabei das Auflager für das Faltwerk des Dachs. Die Materialien Beton (EG) und Holz (Aufbauten) gliedern das Depot in eine untere Zone (Einsatzzone) und in eine obere Zone (Büro- und Aufenthaltszone). Der zur Schaanerstrasse gerichtete, längliche Bund, mit durchgehenden Vertikalerschliessungen ist in Betonbauweise angedacht und fängt entstehende Horizontalkräfte ab. Das Faltwerk des Dachs liegt auf den Holzbindern auf, ohne zusätzliche Lasten aufzunehmen, und wird über die gesamte Halle und den Vorbereich gelegt. Unerwünschte Wärmebrücken im Übergang von Innen- und Aussenbereich werden so vermieden.

Aufstockung

Die statische Struktur mit Betonstützen ist darauf ausgelegt, die Aufstockung in Leichtbauweise über dem zur Schaanerstrasse gerichteten Bund bis zur Stützenreihe in der Hallenmitte aufliegen zu lassen. Die bereits vorhandenen Treppenhäuser decken den Bedarf an vertikalen Fluchtwegen ab – zusätzliche Treppenhäuser, was grosse bauliche Aufwendungen zur Fogle hätte, sind aufgrund der Geschossflächen nicht notwendig. Die Struktur des Faltwerks des Hallendachs bliebe mit dem Einschub von dreieckigen Lastverteilelementen, welche die linearen Lasten der Aufstockung auf die Stützen abtragen, als sichtbare Zäsur erhalten. Städtebaulich würde der sechsgeschossige Baukörper dabei den geplanten Mobilitätsraum in vorteilhafter Weise akzentuieren.

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